„Man kennt sich“ und das macht den Unterschied
Wie persönliche Netzwerke im Recruiting entscheiden, was Algorithmen nicht können
Die Gewinnung von Fach- und Führungskräften gehört für viele mittelständische Unternehmen in der Region Weser-Ems und im Oldenburger Münsterland zu den zentralen Herausforderungen. Warum dabei ein tiefes Verständnis für die lokale Mentalität und gewachsene Netzwerke entscheidend sind, erläutert Dirk Grave, Partner bei der Dr. Schwerdtfeger Personalberatung und Personalexperte für die Region. Im Gespräch erklärt er, welche Chancen ein regional verankerter Recruiting-Ansatz bietet und wie Unternehmen ihre Stärken jenseits von Großstadtflair und Konzernbudgets überzeugend sichtbar machen können.
Herr Grave, Sie sind als Personalberater seit Jahren in der Region Weser-Ems und im Oldenburger Münsterland verwurzelt. Wie behauptet sich dieser Wirtschaftsraum im Wettbewerb mit den Metropolen?
Die Weser-Ems-Region und insbesondere das Oldenburger Münsterland haben sich in den letzten Jahrzehnten aus eher einfachen Verhältnissen zu einem der dynamischsten ländlichen Wirtschaftsräume Deutschlands entwickelt. Das spiegelt die besondere Mentalität der Menschen und Unternehmer hier wider: Wo anderswo noch lange diskutiert wird, packt man hier entschlossen an und ist bereit, Neues auszuprobieren. Wir finden hier eine einzigartige Kombination aus hochspezialisierten mittelständischen Unternehmen – viele davon Hidden Champions und Weltmarktführer – sowie international wettbewerbsfähigen Industriecluster. Charakteristisch ist zudem die enge Vernetzung von Agrar- und Ernährungswirtschaft, Industrie, Logistik und Forschung.
Im Vergleich zu Metropolen wie Hamburg oder München müssen wir uns in der externen Wahrnehmung allerdings stärker erklären: Wo liegt das Oldenburger Münsterland? Was gibt es dort? Welche Unternehmen und Möglichkeiten bietet die Region? Die Antwort ist klar: Nahezu alles, was man in größeren Städten findet, ist auch hier vorhanden – und Bremen, Oldenburg oder Osnabrück sind bei Bedarf schnell erreichbar.
Gleichzeitig bietet unsere Region eine Lebensqualität, die in Ballungsräumen schwer zu finden ist: kürzere Pendelzeiten, immer noch bezahlbarer Wohnraum, ein familienfreundliches Umfeld mit starken sozialen Netzwerken und ein hohes Maß an Sicherheit. Das ist für viele Menschen spätestens in bestimmten Lebensphase n viel wichtiger als ein großstädtisches Umfeld.
Entscheidend ist daher nicht, mit Hamburg oder München mithalten zu wollen, sondern die eigenen Standortvorteile klar und selbstbewusst zu kommunizieren.
Sie rekrutieren branchenübergreifend. Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie bei den hiesigen Unternehmen bei der Suche nach Fach- und Führungskräften?
Die Region ist grundsätzlich wirtschaftlich gut aufgestellt und der Arbeitsmarkt ist hier traditionell recht eng. Unternehmen konkurrieren hier oft um dieselben Talente. Über die fachliche Qualifikation hinaus legen die Unternehmen großen Wert auf kulturelle Passung. Gesucht werden pragmatische, anpackende Persönlichkeiten, die Verantwortung übernehmen und sich langfristig binden möchten. Gerade inhabergeführte Unternehmen schätzen Loyalität, Bodenständigkeit und Entscheidungsfreude.
Was kann ein regionaler Personalberater leisten, was eine überregionale oder auf Online-Recruiting spezialisierte Agentur nicht kann?
Ein regionaler Personalberater hat seinen entscheidenden Vorteil dort, wo Recruiting maßgeblich über Vertrauen, Marktkenntnis und persönliche Netzwerke funktioniert. Genau das ist im Oldenburger Münsterland besonders relevant. Viele Unternehmen und Unternehmer sind eng miteinander vernetzt – „man kennt sich“. Diese lokalen Verbindungen zu kennen und die Mentalitäten vor Ort zu verstehen, ist ein unschätzbarer Vorteil. Wenn man dann noch zu den Mentalitäten vor Ort passt, ist das sicher kein Nachteil.
Hinzu kommt der Zugang zum sogenannten verdeckten Kandidatenmarkt. Viele qualifizierte Fach- und Führungskräfte in der Region suchen nicht aktiv über Stellenbörsen, wären aber für den richtigen nächsten Schritt durchaus offen. Diese Menschen erreicht man häufig nur durch eine gezielte, persönliche Ansprache und auf Basis von Vertrauen.
Besonders im Oldenburger Münsterland basieren erfolgreiche Besetzungen daher häufig auf Reputation und persönlichen Empfehlungen. Wer regional vernetzt ist, bewegt sich deutlich näher an den tatsächlichen Entscheidungs- und Wechselprozessen.
Gab es einen konkreten Fall, in dem Ihre regionale Verwurzelung den entscheidenden Unterschied gemacht hat?
Ja, die Besetzung einer kaufmännischen Führungsposition bei einem international erfolgreichen, aber in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend auftretenden und kaum bekannten Produktionsunternehmen war so ein Fall. Die Kandidatin war nicht aktiv auf der Suche und strebte eine Aufgabe in Teilzeit an. Über den klassischen Markt wären beide Seiten wahrscheinlich nie zusammengekommen. Erst durch unser Netzwerk und die gezielte, persönliche Ansprache konnten wir eine optimale Lösung für beide Seiten herbeiführen.
Genau da zeigt sich der Mehrwert regionaler Personalberatung: Es geht nicht darum, Lebensläufe zu versenden, sondern Menschen, Unternehmen sowie individuelle und regionale Realitäten zusammenzubringen und langfristige Verbindungen zu schaffen.
Welche Branchen oder Unternehmenstypen haben aus Ihrer Sicht den größten Nachholbedarf bei der professionellen Personalgewinnung?
Nachholbedarf sehen wir häufig bei Unternehmen, die wirtschaftlich sehr erfolgreich gewachsen sind, deren Recruiting-Strukturen aber eher „mitgewachsen statt mitentwickelt“ wurden. Das betrifft insbesondere den klassischen Mittelstand. Viele dieser Unternehmen sind technologisch hochmodern und international erfolgreich, treten als Arbeitgeber aber noch vergleichsweise zurückhaltend auf. Personalgewinnung wurde lange über regionale Bekanntheit und persönliche Empfehlungen gelöst – ein Ansatz, der heute deutlich weniger trägt als noch vor zehn Jahren.
Auch Teile der Agrar- und Ernährungswirtschaft stehen vor einem Wandel. Wo Personalgewinnung lange administrativ verstanden wurde, konkurrieren diese Unternehmen heute um IT-Fachkräfte, Automatisierungsspezialisten und Nachhaltigkeitsexperten, um nur einige Berufsgruppen zu nennen.
Unternehmen, die sich z.B. bisher stark über ihre technische Exzellenz definieren, dürfen die Bedeutung von Unternehmenskultur und Führungskommunikation nicht unterschätzen. Gerade jüngere Mitarbeitende achten heute stärker auf Führung, Entwicklungsmöglichkeiten, Flexibilität und Sinn ihrer Tätigkeit.
Was dabei nicht übersehen werden darf: Unternehmen mit dem größten Nachholbedarf bieten oft gleichzeitig das größte Potenzial – hohe Verantwortung, kurze Entscheidungswege, stabile Eigentümerstrukturen und langfristige Perspektiven. Werden diese Stärken professionell kommuniziert, sind sie im Wettbewerb um Talente sehr wirkungsvoll – auch gegenüber Metropolstandorten.
Was raten Sie Unternehmen im Oldenburger Münsterland, die sich als attraktiver Arbeitgeber positionieren möchten – auch ohne Großstadtflair und Konzernbudget?
Der wichtigste Rat ist: Nicht versuchen, eine Großstadt oder einen Konzern zu imitieren. Die Stärken des regionalen Mittelstands sind real – sie müssen nur klar, glaubwürdig und modern kommuniziert werden. Viele Unternehmen unterschätzen, wie attraktiv sie bereits sind. Wer hier anfängt, übernimmt schnell Verantwortung, hat hohe Gestaltungsspielräume in stabilen Strukturen und kann langfristige Perspektiven entwickeln. Oft kommt ein menschliches, beinahe familiäres Umfeld hinzu.
Die Standortvorteile der Region – Lebensqualität, Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität – müssen dabei selbstbewusst benannt werden. Aus unserer täglichen Arbeit wissen wir, wie sehr Kandidatinnen und Kandidaten ein mittelständisches Umfeld und ein Familienunternehmen schätzen, das auf eigene Rechnung handelt. Diese Qualitäten werden oft erst greifbar, wenn man sie konkret erklärt.
Die Region und ihre Unternehmen haben viel zu bieten. Es lohnt sich, dafür aktiv zu werben – und offen darüber zu sprechen. Lasst uns alle aktiv dafür werben und darüber sprechen. Auf geht’s!

Dirk Grave ist Partner und Prokurist bei der Dr. Schwerdtfeger Personalberatung. Er begleitet mittelständische Unternehmen im gesamten Weser-Ems-Gebiet bei der Besetzung von kaufmännischen und technischen Führungs- und Schlüsselfunktionen.
